Living in America

3 Wochen in Amerika, schnell, schön, anstrengend, ungewohnt.

Einer dieser berühmten gelben Schulbusse holte uns gleich nach unserer Ankunft in Amerika vom Flughafen ab. Nach dieser ungefederten Fahrt trafen wir in Lincolnshire in der Stevenson Highschool ein. Einige der Gastschüler waren trotz unserer frühen Ankunft schon am Treffpunkt eingetroffen. Vorsichtig tastete man sich aneinander heran, unterhielt sich aber noch nicht richtig, als wir eine kleine Führung durch die Schule erhielten. Dann kamen aber die Eltern um uns abzuholen und schnell waren wir alleine, ohne Freunde, fern der Heimat, mit unseren fünf Jahren Englisch auf uns allein gestellt. Für die meisten war die Verständigung, auch wenn es oft die erste praktische Anwendung der Sprache war, kein Problem.

Die Stevenson Highschool ist eine für uns ungewohnt große Schule. Mit über dreitausend Schülern und zweihundert Lehrern besitzt sie die Infrastruktur einer kleinen Stadt. Von einer kleinen Bank, einer Videogruppe, die jeden Morgen einen Nachrichtenbericht über das in jedem Klassenzimmer installierte Videosystem überträgt bis zum kleinen Schreibwarenladen ist hier nahezu jede benötigte Ressource vorhanden. Die Schule besitzt eigene Angestellte für Sicherheit, Videosystem, Mittagessen, die verschiedenen Büros, u.v.m.. In jedem Klassenzimmer steht mindestens ein Computer, in der Bibliothek kann man sich in Freistunden neben Büchern auch im Internet Informationen beschaffen. Am Nachmittag steht ein breites Angebot von Sport und anderen Wahlfächern zur Verfügung. Anders als bei uns hat man in einer amerikanischen Highschool, die jeder Schüler besucht, jeden Tag die selben acht Stunden Unterricht, die nahezu selbst gewählt werden können. Jede Stunde dauert 50 Minuten plus fünf bis acht Minuten Zeit pro Stundenwechsel. In einer Schule deren gesamtes Gelände einen Umfang von drei Kilometern hat , ist das nicht gerade viel Zeit. Mittags gibt es zwei Cafeterias, in welchen man sein eigenes, oder das dort gekaufte Essen verzehren kann.

Natürlich bestand unsere Zeit in Chicago nicht nur aus Schule. Die erste Woche hatten wir Ferien und die Schule organisierte mehrere Fieldtrips nach Chicago.

Diese begannen immer mit einer langen, langen Fahrt von der Highschool nach Downtown Chicago. Die erste Fahrt führte uns gleich auf das Hancock Observatory. Das Hancock-Building ist das zweithöchste Gebäude in Chicago und bietet einen der schönsten Rundblicke überdie Stadt. Das Wetter, das die ganze Zeit über fabelhaft war, erlaubte uns sogar eine Sicht bis nach Indiana, die aber alles in allem sehr flach war. Nach einer Bustour, die uns bestimmt nicht nur wegen der interessanten Gebäude und der schönen Aussicht auf die Skyline im Gedächtnis bleiben wird, bekamen wir noch ein Mittagessen in Michael Jordan's Restaurant.

Der nächste Tag führte uns zur Chicago Board of Trade (die Börse), deren bunten Anzeigetafeln Markus Rau so faszinierten, dass er einfach da blieb, was uns aber erst bei der Fahrt zum Mittagessen, eine Stunde später, auffiel. Wir lernten dort, dass Pizza aus Amerika kommt, man sollte das aber wohl auf die sogenannte "Deep dished Pizza",eine Pfannenpizza einschränken, die es in ganz Chicago nur in den zwei faszinierend abwechselnden Geschmackssorten "Pepperoni"(Pepperoni wurde verhängnissvollerweise in Salami übersetzt) und "Cheese" gibt. Das Art Institute, wo wir auch Markus wiederfanden, der dann von uns noch eine Pizza bekam, beendete den zweiten Field Trip.

Die Tour durch die University of Chicago zeigte uns die teilweise recht gut gelungene achtzig Jahre alte Kopie eines englischen Colleges. Leider konnte nicht einmal unser Guide seine Schrift auf den vielen Merkblättern, die er sich geschrieben hatte entziffern, so dass die Führung nicht gerade sehr inhaltsreich war. Die Gangster Tour war da, auch wenn sie der ein oder andere kindisch fand, schon unterhaltsamer und lebensnäher, weil Dixie und Joe uns endlich auch mal das nicht so reiche Chicago zeigten und auch die Schauplätze der großen Massaker und Überfälle. Dabei erzählten sie uns von den Zeiten des Alkoholschmuggels und natürlich von Al Capone und den anderen Gangstern.

Der "Architectural Walk" durch Chicago am Wochenende beendete dann unsere gemeinsamen Fahrten nach Chicago. Die Freizeit am Nachmittag bot uns aber die Möglichkeit, in kleinen Gruppen die Stadt zu erkunden und auch mal in die großen Kaufhäuser zu gehen.

Nach den Ferien ging dann der Ernst des Lebens wieder los. Die ersten Tage konnte man sich nur mit dem griffbereiten Plan zurechtfinden wenn man alleine im Schulhaus herumlief. Der Unterricht war dann oft nicht gerade leicht, wenn man einmal vom Deutschunterricht absieht, den die meisten belegten. Fremdsprachen sind meiner Meinung nach eine große Schwäche der amerikanischen Highschools, die aber im naturwissenschaftlichen Unterricht wieder wettgemacht wird.

Die zwei Wochen Schule vergingen dann sehr schnell, neben der gemeinsamen achten Stunde sahen wir uns zusammen nur noch dreimal. Das Bowling mit dem Germanclub war eines dieser Treffen. Viele hatten zum ersten Mal eine Bowlingkugel in der Hand. Der Swingdance-Kurs am nächsten Tag war ein großer Spaß. Die zwei Stunden vergingen dann aber irgendwie zu schnell. Wir haben zumindest alle was dabei gelernt und konnten zum Schluß mehr oder weniger gut tanzen.

Kaum hatten wir uns an das Essen, die Sprache und die Schule gewöhnt, war unser Aufenthalt auch schon zu Ende. Mit gemischten Gefühlen gingen wir zum Farewell Dinner, das genau wie unser Welcome Dinner war, aber doch anders, wir hatten jetzt einander besser kennengelernt, viele Erfahrungen gesammelt und gemeinsam viel erlebt.

Martin Etzrodt 1999