Vorwort zum Jahresbericht 2004/05

Umschlag: LK Kunst, Klaus Schmid

Am Ende eines jeden Schuljahres, wenn sich die Hektik gelegt hat, lassen wir Revue passieren, was die Schwerpunkte unserer Arbeit waren und was wir erreicht haben.
Dabei wäre es zu kurz gegriffen, würden wir das Ergebnis unserer Arbeit nur an den Noten messen. Die Versuchung dazu besteht auf allen Seiten, weil sich hieran noch am leichtesten Lernfortschritt messen lässt. Ganz zweifellos ist das wichtig, denn zu den Hauptaufgaben einer Schule gehört es, Kenntnisse zu vermitteln, Kenntnisse, auf denen aufgebaut werden kann, die sich vernetzen und anwenden lassen. Und hinter all den blanken Zahlen verbirgt sich zumeist viel Arbeit und Anstrengung von allen Beteiligten.
Die Definition von Kenntniserwerb ist ja bestimmten Moden unterworfen und pendelt zwischen den Polen Ausbildung und Bildung hin und her. Zurzeit bewegt sich das Pendel auch für das Gymnasium mehr und mehr in Richtung Ausbildung. Es geht um Anwendungswissen, um das Nützliche, sofort Verwertbare. Aber das ist für ein Gymnasium nicht genug, weil es nicht nur darum geht, die zivilisatorischen Leistungen unserer Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu steigern, sondern auch darum, unsere kulturellen Grundlagen zu sichern.

Beides gehört zusammen, am besten im Gleichgewicht. Natürlich muss die Schule zunächst einmal so viele Kenntnisse vermitteln, dass sie als Werkzeuge dienen können für das Eindringen in die Komplexität der Welt; aber beim Kenntniserwerb alleine darf das nicht stehen bleiben. Vieles von dem nützlichen Wissen, das man im Beruf braucht, erwirbt man schneller, gezielter und anwendungsorientierter genau dort, im Beruf. Das Gymnasium bietet eine Chance, die vermutlich so nicht wiederkommt, nämlich sich ohne den Druck des Nützlichen in Gegenstände zu vertiefen wie Literatur, Musik, den Sternenhimmel, ein mathematisches Problem, Philosophie, Kunst, und dabei etwas über sich zu erfahren.

Von alledem, was über den reinen Kenntniserwerb hinaus in unserer Schule geleistet wurde, handelt dieser Jahresbericht.
Er handelt von der Lust an Wettbewerben in Kunst, in Mathematik, im Sport, in den Sprachen, bei JugendForscht, von neuen Erfahrungen im Ausland, sei es im Schüleraustausch, sei es bei Studienfahrten, von ungewohnten Herausforderungen in neuen Lernumwelten wie im Grundkurs Tatfunk oder bei der Physik im Kindergarten, von sozialem Engagement z.B. bei den Spendenaktionen für die Flutopfer, im Schülerrat und bei den Tutoren oder bei der Auseinandersetzung mit den Zielen des Hospizvereins, von kreativen Erfahrungen beim Verfassen von Gedichten und Lesetagebüchern, beim Theaterspielen oder beim gemeinsamen Musizieren in der beachtlichen Vielfalt unserer Musikgruppen – kurz, er handelt von dem großen Engagement von Schülern wie Lehrern über den Unterricht hinaus. Durch dieses Engagement wird unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geboten die Schule als Lebensraum zu erfahren, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, etwas über sich selbst zu lernen. Allerdings funktioniert das nur, wenn man diese Möglichkeiten und die zusätzlichen Angebote der Schule auch nutzt, gespannt ist auf neue Erfahrungen und Erkenntnisse.

„Ich habe keine besonderen Begabungen, ich bin nur leidenschaftlich neugierig“, sagte einmal Albert Einstein, ein Satz, den genau so auch Max oder Gustav Born hätten gesagt haben können. Von dieser Neugier steckt auch viel in diesem Jahresbericht, und es wäre schön, wenn sich immer mehr Schüler von ihr anstecken lassen würden.

Es sind aber nicht nur Schüler und Lehrer, die unsere Schule weiterbringen und weiterentwickeln. MODUS 21 fordert alle Beteiligten auf, Verantwortung für Schule und Erziehung zu übernehmen. Das erreicht man am besten über die Teilhabe aller am Geschehen. Wir haben inzwischen in mehreren Befragungen von Schülern, Eltern und Lehrkräften herauszufinden versucht, wo unsere Stärken und Schwächen liegen, und wir haben uns in gemeinsamen Konferenzen daran gemacht, Regeln für den Umgang miteinander zu finden, haben über neue Strukturen für den Schultag nachgedacht, über die Gestaltung des Schulhauses, über identitätsstiftende Maßnahmen. Erste Erfolge zeigen sich auch hier: Der Förderverein half uns bei der Entwicklung des CI, Eltern gestalten Klassenzimmer und stellen in einem Branchenbuch ihr berufliches Know-how zur Verfügung, ältere Schüler unterrichten jüngere, Lehrkräfte ziehen mit ihren Schülern Halbzeitbilanzen, die Schule kann inzwischen mit einem Globalbudget arbeiten ... Und bei pädagogischen Konferenzen ist die Beteiligung von Schülern und Eltern selbstverständlich – eine fruchtbare Zusammenarbeit, die immer wieder überraschende Ergebnisse mit sich bringt. Jeder ist eingeladen mitzumachen!

Dieses Schuljahr stellte uns mit der Einführung des G8 vor eine besondere Herausforderung. Nach einem Jahr lassen sich die Folgen der damit einhergehenden Veränderungen des Gymnasiums noch nicht abschließend beurteilen. Fest steht allerdings bereits jetzt, dass das G8 in höherem Maß als bisher von Schülern wie Lehrern ein konzentriertes, konsequentes und kontinuierliches Lernen und Arbeiten erfordert. Wir sind alle daher froh, dass es die Intensivierungsstunden gibt, und hoffen, dass sie dem Gymnasium auch dauerhaft erhalten bleiben. Mit dem heraufwachsenden G8 werden wir noch so manche Nuss zu knacken bekommen – so beschäftigt uns zur Zeit die Frage, ob unsere Pläne für den Anbau von Speiseraum und Aufenthaltsräumen, die wir unbedingt für den zunehmenden Nachmittagsunterricht brauchen, genehmigt werden. Dann könnten wir der Vorstellung vom Lebensraum Schule ein gutes Stück näher kommen.

 

Ich hoffe, dass wir auch weiterhin gemeinsam konstruktiv und getragen von gegenseitigem Verständnis an diesem Ziel weiterarbeiten können. Aber vorher gehen wir jetzt alle erst einmal in die Ferien und dafür wünsche ich allen Entspannung, Erholung, Anregung und genug Ruhe, um sich selbst ein wenig näher zu kommen.

Barbara Loos

Umschlag: LK Kunst, Klaus Schmid