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Abitur 2010

Verabschiedung der Abiturientinnen und Abiturienten durch den
Schulleiter Dr. Robert Christoph

Dr. Robert Christoph, Schulleiter des MBG

„Wurzeln und Flügel“

Anrede

Sind die Kinder klein, müssen wir Ihnen helfen, Wurzeln zu fassen. Sind sie aber groß geworden, müssen wir ihnen Flügel schenken.
(angeblich von Johann Wolfgang von Goethe,
ursprünglich eine Volksweisheit aus Indien)

 

Das Motto, unter das ich diese Feier stellen möchte, lautet: Wurzeln und Flügel.
In der Langfassung lautet dieser Ratschlag an Eltern und Erzieher:
Sind die Kinder klein, müssen wir Ihnen helfen, Wurzeln zu fassen. Sind sie aber groß geworden, müssen wir ihnen Flügel schenken.
Der Spruch wird oft Goethe zugeschrieben, ist aber vermutlich sehr viel älter und kommt aus einem anderen Kulturkreis.

Manche Kritiker des Gymnasiums könnten jetzt boshaft fragen, was ein pädagogischer Ratschlag bei einer Abiturzeugnisfeier verloren hat. Denn man unterstellt uns Gymnasiallehrern ja gerne, dass wir uns zu sehr auf das Fachliche, ja das Fachwissenschaftliche konzentrieren und die Pädagogik vernachlässigen.
Ich bin mir aber sicher, dass Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, hier am Max-Born-Gymnasium in den letzten neun Jahren Kolleginnen und Kollegen erlebt haben, die nicht ausschließlich auf die Vermittlung von Fachinhalten konzentriert waren, sondern die sie auch erziehen wollten, die ihnen Werte und moralische Grundhaltungen mitgeben wollten.

Was heißt es in diesem Zusammenhang, Wurzeln und Flügel mitzugeben? Was heißt es, Wurzeln und Flügel zu haben?

Wurzeln
Wurzeln stehen für zweierlei: eher wörtlich für den Halt, den sie geben, und im übertragenen Sinn für das Bewusstsein, woher man kommt, das Verwurzeltsein in einer Kultur.

Der Halt und das Sicherheitsgefühl, die man für ein gelingendes Leben braucht, haben zu tun mit dem Urvertrauen: dem Gefühl, geliebt zu werden und zuhause zu sein. Dieses Vertrauen entwickelt sich in erster Linie im vorschulischen Alter, in der Familie, und kann daher heute nicht zentrales Thema sein. Andererseits sollte Ihnen auch die Schule ein Gefühl des Angenommenseins und der Geborgenheit vermittelt haben.
Manchmal wirft man den Gymnasien ja sogar vor, Sie zu sehr in Watte zu packen, sie zu sehr zu bemuttern oder zu bevätern (Stichwort: Pünktlichkeit, Stichwort: keine Exen an Schulaufgabentagen). Wir würden Sie als Schülerinnen und Schüler der Oberstufe so ganz anders behandeln als das 18 oder 19jährigen in der außerschulischen Welt widerfährt. Noch deutlicher gesagt: Wir sollen sie „härter rannehmen“, nicht so sehr verzärteln, sie besser vorbereiten auf die raue Welt da draußen. Die Frage ist hier nur, wer eigentlich die richtigen Maßstäbe setzt – die Wirtschaft oder die Schule. Denken Sie etwa an fristlose Kündigungen wegen 1 Euro 30. So wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler nicht behandeln. Die Schulen sollten im Spannungsfeld mit der Wirtschaft und ihren Forderungen nicht immer gleich klein beigeben. Manchmal sind unsere (schulischen) Werte und Normen vielleicht doch die besseren. Das haben die Ereignisse und Entwicklungen des letzten Jahres eindrucksvoll bewiesen.

Die Gelassenheit und Zuversicht, mit der Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die schriftlichen Prüfungen angegangen sind, geben einem dabei ein gutes Gefühl. Hier muss eine Menge an Urvertrauen vorhanden sein. Oft waren wir Lehrer doch deutlich angespannter und aufgeregter als Sie.

Was Schule auch tun muss, ist, Ihnen ein Bewusstsein für die Verwurzelung in einer Tradition zu vermitteln.
Sie brauchen einen Einblick in das Werden unseres Gesellschafts- und Wertemodells, einen Einblick in das Ringen der Menschen nach Orientierung und Halt in den verschiedenen Epochen und Kulturen. Sie müssen die griechisch-römischen, die christlich-jüdischen Wurzeln unserer Tradition kennen, nicht im Sinne des Faktenwissens à la 333 oder 753, sondern um zu verstehen, dass wir bei aller Betonung des Individualismus nicht im luftleeren Raum schweben. Natürlich gebührt anderen Kulturkreisen derselbe Respekt, doch um unsere westliche Gesellschaft zu verstehen, sind diese Traditionen die prägenden. Wir haben Verbindungen zur familiären und gesellschaftlichen Geschichte, ebenso wie wir in unserem Erbgut uralte Spuren der frühen Spezies Mensch mit herumschleppen.
In dieser Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können und sollen Sie auch einen eigenen moralischen Kompass entwickeln.
Ohne eine solche klare Orientierung wird der Mensch zum Spielball des Zeitgeistes und der persönlicher Neigungen, wird Individualismus zu grenzenlosem Egoismus, wird das Ich narzisstisch. Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit und mangelndes Verantwortungsgefühl gefährden unser Gemeinwesen aktuell sicher ebenso sehr wie der Klimawandel.
Gewinnsteigerung durch Arbeitsplatzabbau, das Wetten auf den Zusammenbruch von Volkswirtschaften, das Zocken gegen die eigenen Kunden – das geht juristisch und geht doch eigentlich nicht. Gesetze allein reichen hier offenkundig nicht aus als moralische Orientierung, sie hinken hinterher oder werden bisweilen den Grundfragen nicht gerecht. Das anything goes der modernen Gesellschaften taugt nicht als ethische Richtschnur.
Wenn das Max-Born-Gymnasium als konservativ gilt, weil wir die Vermittlung des Kulturwissens als Beitrag zur Entwicklung moralischer Grundhaltungen für wichtig erachten, dann sind wir es gerne und aus vollster Überzeugung.

Flügel
Wurzeln sind freilich nicht alles: Auch Flügel erwähnt unser kluger Erziehungsspruch:
Wozu braucht man Flügel?
Reichen nicht Fachwissen, Ausdauer, Präsentationstechniken – die berühmten Fertigkeiten und Kompetenzen?
Nein, Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten sollten schon auch immer wieder fliegen, nicht im wörtlichen Sinne der Benutzung eines Flugzeugs – das werden Sie ohnehin tun, sondern durch beflügelte und beflügelnde Visionen und Ideen.
In unserer Zeit entsteht zwar manchmal im Alltag der Eindruck, in einem starren, saturierten System zu leben, das dem Einzelnen kaum Entfaltungs- oder Gestaltungsmöglichkeiten einräumt - doch dem ist nicht so.
Die Vorstellung vom unabänderlichen Räderwerk, in dem der Einzelne seinen Platz suchen muss, um sich dann still und fügsam mit zudrehen – als das sprichwörtliche kleine Rädchen im System – ist falsch. Oft genug ist es auch nur eine Ausrede für eigene Bequemlichkeit.
Die Welt, unsere Gesellschaft, das vorherrschende Denken sind veränderbar, wir leben nicht in einer statischen Welt.
Yes, we can. Mit diesem Slogan, der vielleicht schon einen Tick zu oft zitiert wurde, hat ein Visionär in Amerika Wahlen gewonnen. Natürlich sehen wir jetzt, dass in der Realpolitik manches schwieriger ist als in Wahlkampfreden. Doch – es geht, die Krankenversicherung wird endlich kommen im reichen Amerika und die Regulierung der Finanzmärkte hoffentlich ebenso.
Losgeflogen ist auch eine Alters- und Schicksalsgenossin von Ihnen, als Satellite an den Himmel von Oslo – das zeigt, dass es sich lohnt, vom Fliegen zu träumen.
Sie müssen nicht alle am nächstjährigen Casting für Hannover, Berlin oder Köln teilnehmen, es gibt viele Bereiche, in denen Sie, in denen wir alle Visionen entwickeln und umsetzen können. Sie müssen dazu übrigens keine große politische oder wirtschaftliche Karriere machen: man kann an jeder Stelle, im Beruf und in der Familie, Dinge verändern, neue Konzepte entwickeln und seine Umwelt für diese begeistern.

Diese neuen Konzepte und Denkansätze brauchen wir für die vielen drängenden Zukunftsprobleme, die es zu lösen gilt: die globale Ernährungssituation, die Bewahrung der Mobilität, ohne dabei den Planeten zu zerstören, das Leben in den Metropolen.
Freilich gilt es bei hochfliegenden Plänen auch einen Ratschlag Neil Armstrongs zu beherzigen: „Große Gedanken brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell zum Landen.“ Wo auch immer Armstrong an jenem denkwürdigen Tag im Jahre 1969 gelandet ist, auf dem Mond oder im Filmstudio, er hat Recht.
Erste Höhenflüge haben Sie bereits hinter sich: die Abiturprüfungen, den Abiturstreich und den Abi-Move am Mittwoch und die Abiturzeitung. Herzlichen Dank an die Verantwortlichen.
An dieser Stelle auch schon vorab Dank an die Organisatoren von Abiturfeier und Abiturparty.

Flügel zu haben, heißt freilich auch flügge zu werden, in die Welt aufzubrechen
in gewisser Weise ist dieser Festakt heute Ihre Initiation in die Welt der Erwachsenen, manchen wäre es vielleicht lieber gewesen, einen Wolf zu erbeuten oder zwei Nächte allein im Gebirge zu verbringen als die ganzen Prüfungen abzulegen, doch das ist nun einmal unsere Kultur.
Heute beginnt endgültig Ihr Erwachsenenleben, nicht mit der Führerscheinprüfung, wenn man 18 wird, oder mit dem ersten Kuss.
Heute, so könnte man sagen, geht Ihre Kindheit endgültig zu Ende. Vielleicht gehören Sie aber auch zu den Glücklichen, die erwachsen sein können, ohne das Kindsein verlernt zu haben.
In jedem Fall sind Sie jetzt flügge. Aus der Biologie kennen wir da ja Nesthocker und Nestflüchter, auch im Leben der Menschen scheint es das zu geben,
wobei  man fairer Weise sagen muss, dass Blesshühner keine Studiengebühren entrichten müssen und dass die Lebenshaltung für Schwäne in München günstiger ist als für Studierende, weswegen der eine oder andere von Ihnen noch für die Zeit des Studiums oder der Berufsausbildung zu Hause wohnen wird.

Wir als Schule haben es ja ohnehin leichter als manches Elternhaus. Wir verabschieden Sie heute einfach, wir stellen Ihnen gleichsam den Stuhl vor die Tür. Ab morgen sind Sie keine Schüler mehr, Sie werden, formal gesehen, aus der Schulfamilie entlassen. Aber wie das so ist mit Familienbanden – den Banden im doppelten Sinn, man wird sie nicht so einfach los.
Und wir wollen Sie auch gar nicht wirklich loswerden, im Gegenteil: Bleiben Sie uns verbunden: Sie können das über das Netzwerk tun, aber auch einfach durch das Halten des Kontaktes oder das Interesse an Ihrem Max-Born-Gymnasium.
Sie sind uns jedenfalls immer willkommen: als Praktikanten wieder, als Nachhilfslehrer oder wenn Sie einfach nur eine beglaubigte Kopie des Abiturzeugnisses brauchen.

Apropos „fliegen“, tempus volat – die Zeit verfliegt,
daher wird es nun Zeit für den Akt der Zeugnisverleihung und ich sollte zum Ende kommen.

Wurzeln und Flügel – wir haben Sie hier am Max-Born-Gymnasium hoffentlich mit beidem ausgestattet:
Dass Sie wissen, woher Sie kommen,
dass Sie einen moralischen Kompass und genügend Urvertrauen besitzen
und dass Sie jetzt mutig und voller Zuversicht losfliegen in ihr neues Leben nach der Schule -
das sind meine Wünsche für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten.