Hauptnavigation:
Navigation:

Abitur 2011

Verabschiedung der Abiturientinnen und Abiturienten durch den
Schulleiter Dr. Robert Christoph

Vom Reiz des Besonderen

Liebe Ehrengäste, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Verwandte und Freunde unserer Absolventen, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schülerinnen und Schüler:

Vom Reiz des Besonderen
– so lautet das Motto der heutigen Feier.

Lassen Sie mich mit einer Anekdote beginnen:
Als Prinz Rupprecht von Bayern 1869 in München geboren wurde, war Bayern noch ein von Preußen unabhängiges Königreich. Der Prinz erhielt, wie damals bei den Wittelsbachern üblich, zunächst eine Erziehung durch Privatlehrer. Mit 13 Jahren aber wollte Prinz Rupprecht unbedingt eine richtige Schule besuchen, seine Eltern gaben schließlich diesem Wunsch nach und so wurde er als erster Wittelsbacher Schüler eines öffentlichen Gymnasiums, passenderweise des heute noch existierenden Wittelsbacher-Gymnasiums. 1886 – mit 17 Jahren - stand die Abiturprüfung an, und auch hier wollte Prinz Rupprecht diese gemeinsam mit seinen Mitschülern ablegen. Es gab damals schon ein Zentralabitur in Bayern, die Abituraufgaben wurden also im Kultusministerium erstellt und die Beamten dort wussten natürlich von der Teilnahme seiner königlichen Hoheit. Im gleichen Jahr wie Prinz Rupprecht legte in Landshut Ludwig Thoma seine Abiturprüfung ab. Und er erzählte später, nicht ohne Schmunzeln, dass die Abiturprüfungen just in diesem Jahr 1886, als auch ein Mitglied der Königsfamilie sie ablegte, ungewöhnlich leicht gewesen seien.
Honi soit chi mal y pense –ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Sie ahnen sicher, warum ich Ihnen heute gerade diese Anekdote erzähle. Wir alle dachten, dass das letzte G9-Abitur auch so eine „königliche Prüfung“ werden würde, doch weit gefehlt.
Es war kein königliches Abitur, auch kein Notabitur und kein Abitur light, es war das ganz reguläre bayerische Abitur, das Sie abgelegt haben.
Ihre Prüfungen waren, insbesondere in Mathematik und den Naturwissenschaften, so wurde mir glaubhaft versichert, eher schwer als leicht.
Die schriftlichen Abiturthemen etwa im Fach Deutsch waren besonders, doch das eher im Sinne von „strange“: Es gab eine Gedichtinterpretation zu einem Text von Nikolaus Lenau mit Versen wie „Komm, komm, und trinke Tod!“ und die Analyse einer Szene aus einem expressionistischen Drama von Hasenclever. In der zu interpretierenden Szene muss ein Sohn seinem Vater beichten, dass er durch die Abiturprüfung gefallen ist, was unter anderem dazu führt, dass der Vater den Sohn mit einer Peitsche schlagen will. Einen solchen Text für eine Abiturprüfung zu stellen, das ist in der Tat etwas Besonderes.
Auch andere Umstände waren für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, besonders schwierig: So hatten Sie deutlich weniger Zeit für die Aneignung des Stoffes und deutlich weniger Zeit für die Vorbereitung auf die Prüfungen.
Und dann kam noch die Naturkatastrophe in Japan – freilich weit weg und dennoch waren die Trauer und die Sorgen auch bei uns deutlich spürbar – und sie sind es ja noch. Sie dagegen sollten, ja mussten sich auf Ihre Prüfungen konzentrieren.
Trotz all dieser widrigen Umstände: Sie haben es geschafft – und dazu herzlichen Glückwunsch.
Besonders erwähnen möchte ich hier auch Frau Livia Lück, die als externe Bewerberin mit großem Erfolg an den Prüfungen hier am Max-Born-Gymnasium teilgenommen hat.
Wir feiern heute hier Ihre Leistung, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, und Ihren Erfolg.
Sie können stolz auf sich sein – und wir sind es auch.

Vom Reiz des Besonderen

„Wer etwas Besonderes sehen will, muss auf das blicken, was andere nicht beachten“, so sagt es ein chinesisches Sprichwort. Mit anderen Worten: „Wandle nicht auf ausgetretenen Pfaden!“

Sein Abiturzeugnis Anfang Mai zu erhalten, das ist ja allein schon kein sehr ausgetretener Pfad.
Gerade für die jungen Männer ergab sich in diesem Jahr durch den recht abrupten Wegfall der Wehrpflicht der Zwang, sich viel rascher und zeitnäher mit der eigenen beruflichen Zukunft zu beschäftigen, als das bisher der Fall war.
Die jungen Männer wieder einmal als besonders Gebeutelte im Bildungswesen.
„Lernen mit Mädchen: Dauerstress für Jungen.“ – so lautete vor einigen Wochen eine sehr einprägsame Schlagzeile der Süddeutschen Zeitung.
Auch in Ihrem Jahrgang sind die zwei besten Absolventinnen (mit 1,0) Mädchen oder, besser gesagt, junge Frauen. Und sie haben das auch ohne Mädchenquote bei den Noten, so hoffe ich zumindest, geschafft.
Aber Sie, liebe junge Männer, da darf ich Sie beruhigen, sind alles andere als Bildungsverlierer,
es gibt vielfältige Talente unter Ihnen, wie ich der Abizeitung entnehmen konnte. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Macher der Zeitung und an die Organisatoren des sehr gelungenen Abiturscherzes.

Sie alle, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben nun also die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erworben und ich weiß, dass wir Sie gut vorbereitet ins Leben entlassen.
Das ist das Verdienst der Lehrerinnen und Lehrer, die Sie in Ihrer Zeit hier am Max-Born-Gymnasium, insbesondere auch in den vergangenen beiden Jahren unterrichtet haben.
Manche unter Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben es spannend gemacht, hier war das Ringen um das Abitur, die Anstrengung, es doch noch hinzubekommen von Lehrerseite bisweilen mindestens so groß wie Ihre Bemühungen.
An dieser Stelle will ich den beiden Kolleginnen, die sie besonders intensiv begleitet und gecoacht haben – in schulischer und oft auch in persönlicher Hinsicht – ganz herzlich danken. Ich bitte Sie alle um einen kräftigen Applaus für unsere Kollegstufenbetreuerinnen, Frau Millauer und Frau Lehner.

Wandle nicht auf ausgetretenen Pfaden. Vom Reiz des Besonderen

Das ist ja das Motto der heutigen Feier.
suchen Sie den Kern, das Unteilbare (Individuum) Ihres Selbst
und entwickeln Sie diesen Kern.
Unser Gesellschaftsmodell räumt ja dem Recht auf Individualität in der Lebensführung und dem Recht auf Selbstverwirklichung des Einzelnen einen hohen Stellenwert ein, und zweifellos sind beides hohe Güter.
Allerdings wird das Betonen der Individualität aus meiner Sicht bisweilen übertrieben,
wenn Individualismus als ein Leben ohne jegliche Bindung, ohne alle Pflichten missverstanden wird,
wenn nur noch das Ich gilt und man Beziehungen sofort abbricht, wenn die Euphorie des Anfangs die ersten kleinen Kratzer und Dämpfer bekommt.
Versuchen Sie, solche Extreme der Ichbezogenheit zu vermeiden, Sie haben als Jahrgang ja Ihre hohe Sozialkompetenz, Ihren Team-Spirit in den letzten Wochen eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Wenn ich sage, suchen Sie das Besondere in sich, dann meine ich damit auch nicht die Gier nach dem Absonderlichen im Privatfernsehen:
Wir wollen niemanden von Ihnen als Deutschlands peinlichsten Abiturienten im Fernsehen sehen und bitte reichen Sie Ihre Abiturfahrt nicht als X-Diaries-Folge ein.

Nutzen Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, vielmehr Ihre Chancen.
Sie haben in unserem Staat die freie Wahl, das ist für uns Normalität, aber in der Welt keineswegs selbstverständlich.
Gestatten Sie mir den Hinweis auf die Weltpolitik:
In Nordafrika ringt aktuell eine Jugend, ein ganze Generation in Ihrem Alter unter Einsatz des Lebens um eine Chance auf eine Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung.

Finden Sie also das Besondere in sich,
geben Sie aber auch etwas von dem zurück, was Ihnen Ihre Familien, was wir als Schule und als Gesellschaft Ihnen in den letzten 8 Jahren gegeben haben.

Nutzen Sie Ihre Anlagen, Ihre Talente, Fähigkeiten und Fertigkeiten, das ist der gesellschaftliche und moralische Auftrag, der heute bei dieser Feierstunde mitschwingt.
Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, befinden sich ja, neudeutsch gesagt, an der Schwelle von der Input- zur Output-Phase.

Wir freuen uns natürlich über Absolventen, die in der Öffentlichkeit stehen, wie etwa:

  • unseren Landrat Thomas Karmasin
  • Prof. Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und international bekannten Arcäologen
  • Sascha Spoun, der im Jahr 2006 mit 38 Jahren zum jüngsten Präsidenten einer deutschen Universität gewählt wurde und der in seiner Zeit am Max-Born-Gymnasium Schülersprecher und Bezirksschülersprecher war
  • die mittlerweile weltberühmte Geigerin Arabella Steinbacher
  • den bedeutenden Autor Helmut Krausser.

Aspiranten auf Karrieren in Physik, in der Mathematik oder in Latein, aber auch im Eventmanagement sind unter Ihnen ja durchaus gelegt.

Lassen Sie sich nicht von unseren Problemen mit den Begriffen „Elite“ und „Karriere“ abschrecken. Andere Länder schütteln oft – nicht zu Unrecht - den Kopf über uns Deutsche, für die Elite und Leistung oft schon fast anstößige Begriffe sind.
Scheuen Sie sich also nicht, erfolgreich sein zu wollen! Machen Sie etwas aus sich!

Doch berufliche Erfolge und steile Karrieren sind bei weitem nicht alles im Leben. Es gibt viele andere Pfade, auf denen man und frau wandeln können und auf denen man seine besonderen Talente zeigen kann.
Heutzutage ist ja ein gelingendes Familienleben keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern fast schon etwas Besonderes.
Ein Kind großzuziehen, es in jeder Situation zu unterstützen, ihm Wärme und Liebe mitzugeben, so dass es seinen Lebensweg meistert, ist immer weniger selbstverständlich.
Sie, liebe Eltern, haben sich vor 18 oder 19 Jahren eingelassen auf das Abenteuer Kind, haben verzichtet auf ruhige Nächte – ganz zu Beginn eines Kinderlebens und möglicherweise jetzt im Umfeld des Abiturs.
Wir feiern also heute auch Ihre Leistung, auf die Sie, liebe Eltern, zu Recht stolz sein können. Und das ist einen großen Applaus wert.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, für Sie geht nun ein Lebensabschnitt zu Ende und wir sind gespannt, was Sie nun aus dem machen, das wir, Ihre Eltern, die Lehrkräfte und wir als Schule Ihnen mitgegeben haben.
Mögen Sie, das wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, von ganzem Herzen,
auf den Pfaden, auf den Sie nun wandeln, Ihr Glück finden!

Vielen Dank!

Dr. Robert Christoph