Verabschiedung der Abiturientinnen und Abiturienten durch den
Schulleiter Dr. Robert Christoph
„Und glühtest, jung und gut“ (Goethe)
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„Und glühtest, jung und gut“ -
mit diesen Worten von Johann Wolfgang von Goethe ist die heutige Feier überschrieben, in der wir Euch, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dem ersten G8-Jahrgang, das Reifezeugnis überreichen.
Ja, Ihr seid jung, jünger als die bisherigen Abiturienten,
aber Ihr seid auch gut, „jung und gut“ eben, wie Goethe sagt.
Ich bin sehr stolz und froh, dass alle, die zur Abiturprüfung angetreten sind, diese auch erfolgreich abgeschlossen haben.
Und das mit einem sehr erfreulichen Durchschnitt und vielen hervorragenden Gesamtergebnissen. |
„und glühtest, jung und gut“
Das Motto der heutigen Feier stammt aus Goethes Hymne „Prometheus“. Dieses Gedicht ist ein Hohelied auf die Jugend, die – wie Prometheus gegen den Göttervater Zeus - aufbegehrt gegen die Autoritäten in Ihrem Leben: den Vater, den Lehrer, den Fürsten, einen Gott, der in kalten Ritualen das Feuer des Glaubens erstickt hat, ein Feuer, das Prometheus nun erneut zu den Menschen bringt.
Goethe begann übrigens sein Jurastudium in Leipzig bereits mit 16 Jahren. Das war allerdings auch 1765, also 23 Jahre vor der Einführung von Abiturprüfungen in Preußen. Zu Goethes Zeit entschied man noch selbst, wann man sich für reif und gebildet genug hielt für den Besuch einer Universität. 1788 wurde dann in Preußen das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung eingeführt.
Euch, liebe Abiturientinnen und Abiturienten des G8, hätten wir gerne noch länger bei uns gehabt. Nun aber liegt ein neuer Lebensabschnitt vor Euch. Für 95 % von Euch bedeutet das den Beginn eines Studiums, so sagt es zumindest die Umfrage in Eurer Abiturzeitung.
„Und meinen Herd, um dessen Glut Du mich beneidest“ -
so lautet ein anderer Vers bei Goethe. Prometheus unterstellt damit dem alten Göttervater Zeus, dass dieser gerne wieder so jung und leidenschaftlich wäre wie er selbst. Um wie viel mehr gilt das heute in unserer Gesellschaft mit ihrem weit verbreiteten Jugendwahn: Hauptsache, jung aussehen, jung geblieben sein – das scheint das Mantra des 21. Jahrhunderts.
Ihr, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Ihr seid wirklich jung, und an einem Tag wie heute wird Euch der eine oder andere Erwachsene unter den Anwesenden mit einem Gefühl von heimlicher Bewunderung betrachten: Einmal noch so jung sein, alles vor sich zu haben.
„Der Mangel an Erfahrung veranlasst die Jugend zu Leistungen, die ein erfahrener Mensch niemals vollbringen würde.“ Sagt der französische Journalist Jean Duché.
Was heißt das?
Es heißt, dass Erfahrung und Lebenserfahrung grundsätzlich sicher etwas Positives sind, doch sie können auch den Blick einengen, sie kann dazu führen, dass man bestimmte Bahnen des Denkens nicht mehr verlässt. Wir eignen uns Sichtweisen als die einzig möglichen an. Wir gewöhnen uns an Vieles, halten Dinge und Zustände für normal, die längst gründlich hinterfragt werden müssten.
Und da kommt Ihr, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ins Spiel, Ihr seid die Jugend – das ist Chance und Herausforderung zugleich.
Seid jung und idealistisch!
Wagt es, Eure Träume zu realisieren.
Viele von Euch haben hier in der Schule unglaubliches Engagement in der SMV oder bei den Tutoren bewiesen, es gibt in Eurem Jahrgang so viele wunderbar sozial eingestellte Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz. Bewahrt Euch diesen Schatz!
Seid jung und kreativ!
Die künstlerisch-kreativen Talente sind in Eurem Jahrgang breit gestreut. Lasst mich zwei Personen mit Namen nennen, die uns – zusammen mit anderen – eine wunderbare Alice im Wunderland-Aufführung geschenkt haben: Tamara Theisen und Jan Reinhardt, der - nomen est omen - sicher nicht zufällig den Namen eines berühmten Theatermannes trägt.
Doch auch die Mitglieder des ersten P-Seminars Stop motion oder der Gestalter des Bildes, das wir heute für das Programm verwenden durften, lassen Großes erhoffen. Dasselbe gilt für die Redaktion der Abiturzeitung – die ihrem Jahrgang ein wunderbares Erinnerungsbuch gestaltet hat - und die Organisatoren und Moderatoren des gelungenen Abistreichs. Auch auf die Abiturfeier und die anschließende Abiturparty dürfen wir uns, da bin ich mir sicher, freuen.
Seid jung und leidenschaftlich, seid ruhig auch ein wenig rebellisch!
Wir brauchen als Gesellschaft Euren Widerspruch, Eure elementaren Fragen, Eure Kraft zur Vision. Denn, ja, wir Erwachsenen machen nicht alles richtig. Wir wissen nicht immer alles besser.
Rüttelt uns auf!
Bewahrt Euch den kritischen Blick,
wir Ihr ihn jetzt häufig auf Eure Lehrer und auf die Schule geworfen habt,
auch für andere Kontexte - und seid auch selbstkritisch. Nicht nur andere machen Fehler oder liegen falsch. Kritikfähigkeit heißt auch und gerade, nach Fehlern und Schwächen bei sich selbst zu suchen. Das tut Goethes Prometheus freilich nicht.
„Ich Dich ehren? Wofür?“ –
So ruft Prometheus in Goethes Gedicht empört zu Zeus hinauf und:
„Hast Du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz.“
Auch bei Eurem Abitur ist es so, dass letztlich Ihr, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die Prüfungen geschrieben, gesprochen, ja mittlerweile auch gehört und bestanden habt, Ihr habt die acht - oder neun - Jahre hier erfolgreich absolviert.
Und dennoch scheint es mir heute nicht verkehrt zu sein, den Menschen die Ehre zu erweisen, ja, Ihnen zu danken, ohne die dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre:
Da sind zum einen Eure Eltern, die ideell, aber auch materiell so viel für Euch getan haben, die Euch diese lange Ausbildung ermöglicht und Euch liebevoll begleitet haben. Das ist nichts Selbstverständliches.
Dank aber auch Euren Lehrerinnen und Lehrern, auch für sie war vieles unbekannt am G8-Modell, vieles musste neu erarbeitet werden, und glaubt mir, die Aufregung im Umfeld des Abiturs war auch im Lehrerzimmer zu spüren, weil die Lehrer wollten, dass Ihr gut durch die neuartigen Abiturprüfungen kommt, und weil sie eben alle Pädagogen sind. Auch Goethe wäre nicht zu der Lichtgestalt unserer deutschen Literatur geworden ohne die Unterstützung seines Elternhauses und seine ausgezeichneten Hauslehrer.
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, geht nun das Leben, das da draußen auf Euch wartet, mit Leidenschaft an,
nehmt nicht gleich den erstbesten Kompromiss,
Akzeptiert nicht jede Regel im Spiel, widersetzt Euch den berühmten Sachzwängen,
versucht, Euer Ideal zu verwirklichen,
auch wenn, um noch einmal Goethe zu zitieren, nicht alle „Knabenmorgenblütenträume“ reifen werden.
Spürt Eure Jugend, greift nach den Sternen, bringt den Menschen das Feuer und
hört auf Euer „heilig glühend Herz!“
Vielen Dank!
Dr. Robert Christoph